Bevor ich wissen kann, was mein Pferd braucht, muss ich erkennen, in welchem Verhältnis sich Energie und Materie in ihm gegenüber stehen.

Aber was bedeutet das überhaupt – Energie und Materie?

Um es mit ganz einfachen, „menschlichen Worten“ auszudrücken, könnte man sagen: Alles, was wir mit unserem Auge verfolgen und auch greifen und berühren können, ist Materie, also eine Art „Form“. Die Physiker beschreiben Materie als alles, was Raum einnimmt und eine Masse besitzt.

Diese sichtbare Masse verfügt immer auch über ein unterschiedliches Gewicht und liegt von daher, um es hier auf das Pferd zu beziehen, im Bereich der körperlichen Anstrengung, denn Masse muss schließlich bewegt werden.

Alles Materielle läuft für das Pferd ausschließlich auf der Ebene ab, auf der der Mensch in der Lage ist, etwas zu vermitteln: über Körpersprache und Berührungssprache.

Zur Materie zähle ich auch einige innere Haltungen, die in diesem Bereich deutlicher ausgeprägt sind bzw. auf der materiellen Ebene ausgedrückt werden wie z.b. Mut, Kampfgeist, Entschlossenheit, Aggression und Wut.

Energie hingegen – zumindest so wie ich sie im Wesen Pferd finde und verstehe – ist eher das Unsichtbare und, wie der Physiker sagt, man kann sie immer nur in ihrer Wirkung erkennen. Auch in der Kommunikation mit dem Pferd findet sie auf nicht sichtbarer, gefühlter Ebene statt und doch folgt der Körper im zweiten Schritt immer dieser Energie. Sie wirkt also ganz automatisch, auch wenn man sich ihrer nicht bewusst ist.

In der Pferdesprache wird Energie zwischen den Räumen zweier Lebewesen mit absoluter Leichtigkeit ausgetauscht – diese Art der Kommunikation ist niemals schwer und niemals anstrengend, sie geht blitzschnell. Und sie ist kaum greifbar. Man sieht nicht, dass überhaupt etwas ausgetauscht wird – man sieht nur die Folge davon, dass etwas ausgetauscht wurde.

Trotzdem ist Energie wahrnehmbar und jedes Lebewesen besitzt die Fähigkeit dazu. Die Tierwelt liefert uns zahlreiche Beispiele dafür, dass energetische Übertragungswege ein ganz natürlicher Vorgang sind. Und auch wir Menschen werden mit dieser Fähigkeit geboren, die uns allerdings aufgrund von gesellschaftlichen Normen und Vorgaben und einer Übermacht der materiellen Welt relativ schnell „abgewöhnt“ werden. Forschungen bei Naturvölkern und Ureinwohnern, die heute noch abgeschottet von der Außenwelt leben, zeigen uns aber, dass der Mensch sehr wohl ein energetisches Wesen ist.

Nun hat jeder Mensch und jedes Pferd von Geburt an sowohl materielle als auch energetische Anlagen „im Gepäck“, die aber bei jedem Individuum unterschiedlich ausgeprägt sind – entweder lebt es und drückt es sich mehr auf Materie- oder mehr auf Energieseite aus. Der Einfluss von außen und wie andere Lebewesen mit ihm umgehen, bestimmt dann im weiteren Lebensweg, wie der Mensch oder das Pferd sich in eine bestimmte Richtung hin entwickelt.

Ein Beispiel zum leichteren Verständnis:

Ein Kind signalisiert mit den Augen und seinen Gedanken der Mutter, dass es Hunger hat – es kommuniziert also energetisch. Seine Mutter, selbst vielleicht ein sehr materieller Mensch und auf alle Fälle durch die materielle Außenwelt geprägt, erkennt das aber nicht, sie kann diese Art der Kommunikation nicht wahrnehmen.

Je nachdem, wie sehr sich das Kind nun „sichtbar“ auf materieller Ebene ausdrücken muss, um sein Hungergefühl gestillt und sein Bedürfnis befriedigt zu bekommen, wird es lernen, dass die materielle Art der Kommunikation eher zum Ziel führt als die energetische: es fängt an, nach Ausdrucksformen zu suchen und beginnt zu zappeln, zu strampeln, zu quengeln, bis es irgendwann nach Essen brüllt. Im Vergleich zur energetischen, „leichten“ Kommunikation ist das für das Kind mit einem hohen Energieaufwand verbunden.

Aber seine Mutter, die das Kind erst versteht, wenn es ihr viele lautstarke Signale gibt, ist erst mal ratlos, wird versuchen, herzauszufinden, was dem Kind fehlt und reagiert viel zu spät.

Das Kind wiederum hat gelernt, dass es auf energetischer Ebene allein nicht verstanden wird, sondern immer erst sehr viel Energie aufwenden muss, um „materiell“ verstanden zu werden. Da es jetzt weiß, dass die Gedanken an Essen und der Wunsch nach Befriedigung seines Hungers alleine nicht ausreichen, wird es in Zukunft vermutlich gleich aus vollem Halse losbrüllen.

Wenn das Kind nun überwiegend nur von materiell verstehenden Menschen umgeben ist (und dass ist in der heutigen Zeit und unserer westlichen Welt meist der Fall), dann wird es immer sehr viel Energie aufbringen müssen und sich materiell durchzusetzen versuchen, weil es auf energetischer Ebene nicht wahrgenommen wird und niemand mit ihm so kommuniziert. Es wird bald abstumpfen und sich den anderen „Materiemenschen“ anschließen und es wird auf dieser Ebene, die eigentlich nicht zu ihm passt, sehr viel Energie verschwenden – mehr als gesund ist für sein hochsensibles und feinenergetisches Wesen. Weil es eben nicht anders geht.

Sich aber dauerhaft ungeachtet seiner Fähigkeiten durchs Leben zu bewegen, führt irgendwann zu Unzufriedenheit, Frust, ständiger Überanstrengung und in Folge einer Schwäche des Immunsystems zu Krankheiten. Am Ende wird vielleicht das gesamte Dasein als eine viel zu große Last empfunden, die Ursache dafür aber nicht erkannt.

Es gibt die Geschichte aber natürlich auch „andersherum“, auch wenn es in dieser Ausprägung zumindest unter uns Menschen deutlich seltener vorkommt:

Bleiben wir beim Beispiel von Mutter und Kind, aber mit umgekehrten Voraussetzungen: ein materiell angesiedeltes Kind und seine energetisch sehr ausgeprägte Mutter.

Das Kind verspürt Hunger und fängt im selben Moment an zu brüllen, weil das die zu ihm passende Ausdrucksform ist. Die hochsensible Mutter hätte diese „materielle“ Ansage eigentlich nicht gebraucht, weil sie in der Verbundenheit zu ihrem Kind seine Bedürfnisse auch auf energetischer Ebene gespürt hätte, aber das materielle Kind weiß nichts von der energetischen Kommunikation und wählt den einzigen, ihm bekannten Weg.

Während jetzt ein materieller Mensch nicht so sehr gestört ist vom Brüllen eines Kindes, platzt einem energetisch angesiedelten Menschen fast das Trommelfell und er verliert die Nerven. Hier wird die Mutter gefordert, denn sie sollte nicht genervt auf die „materielle Ansage“ ihres Kindes reagieren und die lautstarke Forderung vielleicht noch bestrafen. Sie muss sich bewusst werden, dass das Kind das nicht anders machen kann, weil diese Art der Reaktion seiner materiellen Ausprägung entspricht.

Das materielle Kind jetzt energetischer zu machen, wird nicht einfach und sich nicht quasi von selbst einstellen wie das Abstumpfen eines energetischen Kindes. Eher wird hier die energetische Mutter immer mehr auf materielle Ansagen ihres Kindes reagieren. Um das Kind energetisch zu fördern, müsste diese Unterscheidung der Mutter erst einmal bewusst sein, um im zweiten Schritt konkret und mithilfe von ständigen Wiederholungen und deutlicher Kommunikation das Kind auf die unterschiedlichen Ebenen aufmerksam zu machen. Dann kann Schritt für Schritt auch die energetische Fähigkeit im Kind geweckt und gefördert werden.

Zusammenfassend zeigen diese Beispiele, dass Energie leichter der Materie zu „unterwerfen“ ist, als umgekehrt.

Mir ist aber sehr wichtig, zu betonen, dass es dabei kein „gut“ oder „schlecht“ gibt. Leicht passiert es, dass Energie allein durch die ihr zugeordneten Adjektive wie „leicht“, „geistig“ und „hochsensibel“ als positiv empfunden wird und die Materie durch Beschreibungen wie „anstrengend“ und „schwer“ als negativ.

Das ist so aber nicht wahr – beides sind gleichwertige Prinzipien in unserem dualen Universum, die gänzlich unterschiedlich sind und trotzdem zusammen gehören – wie das Prinzip von Mann und Frau, von Yin und Yang.

Gerade auch mit Materie verbinden sich so viele, kraftvolle Aspekte wie Mut, Kampfgeist, Entschlossenheit, Durchsetzungsvermögen – und ein Materiemensch wird es oft leichter haben im Leben, wenn es darum geht, seine Ziele zu erreichen, als ein Energetiker, der fast schon Elfengleich durchs Leben schwebt und von den vielen Herausforderungen und Anforderungen schnell überfordert ist. Aber egal ob Materie oder Energie – wichtig dabei ist immer, zu erkennen, welches Prinzip bei einem selbst mehr Gewicht hat, um den zu einem selbst passenden Weg zu finden.

Wir haben also gesehen, dass von Geburt an durch den täglichen Einfluss von Außen sich das im Kind angeborene Verhältnis von Materie und Energie ändern kann. Beim Pferd ist es genauso.

Aber im Vergleich zum Menschen ist das Pferd ein Fluchttier und alles, was es nicht versteht, wird schnell in Angstverhalten umschlagen. Um also mit einem Pferd angstfrei arbeiten zu können und auch selbst Spaß dabei zu haben, muss ich mir ansehen, in welchem „Mischverhältnis“ ist Energie und Materie in dem Pferd angesiedelt, mit dem ich arbeiten will? Wieviele Anteile von welcher Seite gehören seit Geburt an zu seinem Wesen und wie hat es sich eventuell durch äußere Einflüsse und für das Pferd unverständliche Umgangsformen und Trainingsmethoden verändert?

Und was ist dabei meine Aufgabe? Wer seinen Weg mit chi horsing geht, der entscheidet sich dafür, erst dem Pferd seine Bedürfnisse zu stillen und ihm alles zu geben, was es braucht, bevor er selbst an seine Bedürfnisse denken und sich vom Pferd etwas nehmen darf. Was aber braucht das Pferd?

Ja, Sie ahnen es schon: wir müssen das Pferd auf Energie- und Materieebene in sein Gleichgewicht bringen, damit es motiviert wird und wir mit so wenig Energieaufwand wie möglich und passend zu seinem Wesen mit ihm umgehen können. Dann wird das Pferd unser Zusammensein und unsere Zusammenarbeit suchen und auch genießen, weil es spürt, dass es auf seine ganz persönliche Weise verstanden und gefördert wird.

Das Geschenk auf diesem, wie ich meine, sehr spannenden Weg ist, dass wir dabei auch herausfinden, wie unser eigenes „Mischverhältnis“ aussieht und ob wir schon unseren Fähigkeiten gerecht werden und im Einklang mit ihnen arbeiten, oder ob wir völlig gegenläufig zu unserem Wesen agieren und einfach nur überleben.

Sind wir bei uns und unseren Fähigkeiten, wird alles ganz leicht. Agieren wir täglich zu viel auf der Ebene, die uns nicht entspricht, dann ist Vieles sehr anstrengend.

Aber kommen wir zum Pferd zurück. Ich habe das große Glück, zwei Pferde getroffen zu haben, die ich zu 90% einer Richtung zuordnen kann: ein echtes Materiepferd und ein echtes Energiepferd. Wahrscheinlich bekam ich dieses Geschenk, die beiden Pferde begleiten zu dürfen, um immer mehr selbst lernen zu können und damit auch Lösungen für meine Schüler und meinen Unterricht zu finden.

So arbeiten die Energiegesetze, denn Energie folgt immer der Aufmerksamkeit und der Absicht: Wenn ich meine ganze Aufmerksamkeit auf eine Sache lenke, werde ich in diesem Bereich etwas erreichen.

Ich beschäftige mich seit 20 Jahren mit nichts anderem als mit meinen Forschungen über Pferdeverhalten und Pferdesprache. Immer mehr darüber herauszufinden, wie ich mit den unterschiedlichsten Pferden so friedlich wie möglich und auf leichteste Art kommunizieren kann, war und ist mir dabei immer das größte Anliegen. Ich selbst würde mich als Menschen bezeichnen, der ursprünglich als hochenergetisches und sensibles Mädchen auf die Welt kam und – rein von materiellen Menschen umgeben – mit so viel Gewalt aufgewachsen ist und in die Materie gezwungen wurde, dass Körper und Geist in den ersten 35 Lebensjahren unglaublich viele Schäden erlitten haben. Seit meiner Bewusstwerdung dieser Problematik – nicht zuletzt durch meine Arbeit mit den Pferden – arbeite ich mit großem Erfolg an der „Umkehr meiner Materialisierung“: an der Heilung meines Körpers und an der Wiederentdeckung und Entwicklung meiner ursprünglichen Fähigkeiten. Ich wünsche mir für alle Menschen und auch für die Pferde, dass in Zukunft immer mehr diesen lebenserleichternden Weg gehen können und möchte von daher dieses erfolgsbringende Wissen weitergeben.

Weil ich mich so eingehend mit allen Facetten von Materie und Energie beschäftigt habe, kann ich heute die Natur eines Pferdes erkennen, wenn ich mit ihm auf dem Reitplatz arbeite: indem ich ihn für einen kurzen Moment „aktiviere“ und ihn auffordere, für mich zu laufen und sich zu zeigen (wie beim freien Longieren), zeigt mir die Art und Weise, was es für die Aktivierung braucht und ob ich das Pferd rein mit Energie bewegen kann, wo es auf der Materie-Energie-Skala angesiedelt ist. Zusätzlich kann ich dabei auch seine ausstrahlende Bewegungsenergie wahrnehmen, in welcher ich dann lesen kann, was und wieviel seines Tuns auf der ihm gegensätzlichen und selbstzerstörerischen Ebene läuft. Diese von außen übernommenen Gewohnheiten kann ich von da ab täglich versuchen, beim Pferd und damit gleichzeitig auch bei mir, wieder heraus zu arbeiten.

Das Pferd erkennt, sofern ich mit meiner Einschätzung richtig liege, dass ich es in seiner Ganzheit erkannt habe und sucht das Zusammensein mit mir.

Das kann man sich so vorstellen:

Wir stehen vor zwei gleich aussehenden, leeren Räumen. Wenn wir den linken betreten, fühlt es sich einfach schwer an, wir wissen aber nicht, warum. Wir gehen auch in den rechten Raum und alles fühlt sich heimisch und leicht an. Erkennen können wir aber auch hier nicht, woran das liegt, wir fühlen es nur – sofern wir noch etwas fühlen können, denn viele Menschen haben sich das im Laufe ihres Lebens abgewöhnt, weil Fühlen mitunter sehr schmerzhaft sein kann.

Wir gehen also abwechselnd in die zwei Räume und entscheiden uns dann irgendwann für den rechten, den „leichten“ Raum, weil unser Innerstes diese Entscheidung für uns trifft. Unser Inneres – und auch das Innere vom Pferd, das im Vergleich zu uns Menschen noch viel stärker im Fühlen ist – geht immer dorthin, wo es sich erkennen kann und wiederfindet. Aber das kann ein Pferd natürlich nur, wenn es diesen „Raum“ vom Menschen auch angeboten bekommt!

Dann spürt das Pferd genauso wie wir, dass (um im Bild zu bleiben) der rechte Raum der Ort ist, wo wir „ganz“ werden können. Wird der rechte, lebensbejahende Raum nicht gefunden oder nicht angeboten, siegt meist die Handlung, die im Augenblick einfach zum Überleben bewältigt werden muss!

Willkommen im Alltag der meisten Menschen!

Ich muss also „nur“ das Pferd vor mir erkennen und auf seine authentische Weise mit ihm kommunizieren und es dorthin führen, wo es ursprünglich angesiedelt war/ ist und ihm dann seine unterentwickelte Seite (entweder Materie oder Energie) so näher bringen, dass es lernt, auch damit umzugehen und zwar selbstbejahend und ohne Schmerz und Zwang.

Das ist das Fundament und das Grundprinzip von chi Horsing, wenn man sich mit dem Pferd als persönlichem Lehr- und „Feedback“-Meister zusammen weiterentwickeln möchte.

Zu diesem Thema wird es im Winter 2018/2019 auch neben anderen ausgearbeiteten Themen ein ausführliches Onlineseminar geben, wo ich Beispiele mit den zwei oben erwähnten, unterschiedlichen Pferden bringe, die beiden Prinzipien Materie und Energie ausführlich erkläre und aufzeige, wie wir das alles mit Pferdesprache und im täglichen Umgang gewaltfrei händeln können.