Mit dem so genannten Reitsport hat das für mich nichts zu tun. Das ist eher vergleichbar mit einer Meditation. Ich verbinde mich mit dem Pferd, nehme es wahr und arbeite dabei auch gleichzeitig an meiner Selbstwahrnehmung. Dabei stelle ich Fragen wie „Wie nimmt das Pferd mich wahr?“ oder „Wie reagiert es auf mich?“. Dadurch erfahre ich, ob ich mit einer guten Energie unterwegs bin. Leider neigen wir dazu, von morgens bis abends Programm zu machen. Wir arbeiten, verfolgen Ziele und sind ehrgeizig, bis wir nicht mehr können. Mich wundert es nicht, dass Burn Out mittlerweile die Volkskrankheit Nummer Eins ist. Auch ich selbst war krank, und die Arbeit mit den Pferden hat mir da herausgeholfen.

Wichtig ist, dass man es erst einmal ankommen lässt, ihm genug Ruhe und Eingewöhnungszeit gewährt. Möglich ist auch, dass man mit dem Tier in eine Halle oder auf einen Reitplatz geht und es sich dort frei bewegen lässt, bis es selbst den Kontakt sucht. Vieles ist am Anfang nur Beobachtung: Wie springt es? Wie bewegt es sich? Hat es Freude dabei? Streckt es sich ganz gern? Oder hat es Angst, wenn kein anderes Pferd dabei ist? Diese Fragen sollte man sich in der ersten Woche stellen.

Dazu benötigt man sehr viel Zeit. Durch Beobachten und sensibles Zuschauen, aber auch durch Spüren und Zuhören lernt man am meisten. Das bringt in der Regel sogar mehr als ein Buch zum Thema zu lesen. Oft sitze ich einfach nur am Reitplatz oder auf der Koppel und studiere das Verhalten der Herde – das ist meiner Meinung nach die mit Abstand beste Lernmethode.

Zunächst ist es wichtig, dass mich das Pferd immer als Vorbild wahrnimmt. Denn alles, was das Tier an mir erkennt, wird es sehr schnell synchronisieren. Und das Pferd spürt sofort, ob ich wirklich rücksichtsvoll und achtsam bin, ob meine Sinne geschärft sind. Wenn ich also das erste Mal mit dem Pferd einen Raum betrete, wähle ich wirklich ganz bewusst jeden Schritt und jede Position aus, damit das Pferd erkennt: Das ist gut wie sie sich bewegt, und ich verstehe das auch. Unkontrollierte Bewegungen wird es beispielsweise bei mir nicht geben. Deshalb sollte man ein großes Verständnis für die eigene Selbstwahrnehmung, das eigene Körperbewusstsein mitbringen.

Wenn ich mit einem Pferd drei Wochen zusammen und dabei nur Vorbild gewesen bin – ganz ohne Training und irgendwelche Zwänge – dann synchronisiert sich ein Pferd mit mir. Und diese Verbindung ist letztlich nichts anderes als ein Freundschaftsbeweis. Wenn ich nach dieser Vorbereitungszeit zum ersten Mal aufsteige, dann spürt mich das Pferd als seinen Freund, dann ist es mit allen Sinnen bei mir. Und von oben kann ich dem Tier dann etwas Neues antrainieren. Ich habe oft gehört, dass es keine 100-prozentige Sicherheit gibt. Ich aber bin der festen Überzeugung, dass es sie gibt. Weil ich weiß, wie ich mit dem Pferd kommunizieren kann, was es für Bedürfnisse hat, dass es mir jede Sekunde eine Frage stellt, die ich beantworten kann. Und weil ich weiß, dass es nur eine minimale Bewegung oder Positionsveränderung ist, die das Pferd braucht. Dann fühlt sich ein Pferd so sicher, dass ich immer schon von Vorneherein weiß, was es als nächstes macht.

In erster Linie ist es die Körpersprache, die wir lernen müssen. Was machen meine Schultern? Welche Spannungen habe ich in meinen Muskeln, in meinem ganzen Körper? Ich muss auch wissen, welche Gedanken ich gerade habe. Denn wenn das Pferd mit mir in Verbindung steht, dann wird es immer beobachten, wie ich auf das, was es selbst sieht und wahrnimmt, reagiere. Und zwar muss ich vorbildlich reagieren, damit ich das Tier in die Ruhe zurückbringen kann.

Ich habe mir dafür viele Jahre Zeit genommen. Denn ich wollte die Pferde wirklich verstehen. Dieser Antrieb war so stark, dass ich bereit war, dafür alles zu verändern. Die Pferde haben mir allerdings am Anfang zu verstehen gegeben, dass bei mir eine gewisse Spannung vorhanden ist, dass ich Ängste in mir habe, die man von außen nicht gesehen hat, weil sie in meinem tiefsten Inneren vergraben waren. Im täglichen Leben konnte ich das wunderbar manipulieren und meiner Umwelt vorgaukeln, dass alles in Ordnung ist. Aber in unserem Körper gehen biochemische Veränderungen vor sich, die das Pferd sehr wohl spürt und sofort wahrnimmt, wenn etwas nicht stimmt. Und wenn wir eine Maske aufsetzen und einen auf lässig machen, obwohl wir es eigentlich gar nicht sind, dann wird uns das Tier immer entlarven.

Für mich sind Pferde die besten Persönlichkeitstrainer. Kein Psychologe und kein Coach und kein Psychoanalytiker können mir so wahrheitsgemäß, urteilsfrei und bewertungsfrei gegenüber treten. Das liegt daran, dass diese Menschen ihre eigenen Wertvorstellungen entwickelt haben. Das ist jedoch nicht neutral, sondern eine subjektive Sichtweise der Dinge. Jeder macht seine eigene Entwicklungsgeschichte durch, hat eine andere Bestimmung, andere Talente, und jeder muss seinen eigenen Weg finden. Das Pferd lässt dich immer so sein wie du bist. Aber es zeigt dir eben auch an, wenn etwas bei dir nicht im Gleichgewicht ist. Deswegen gibt es für mich keinen besseren Coach als ein Pferd.

Chi horsing ist der Inhalt von Körpersprache, Pferdepsychologie und Empathie. Ich unterrichte die Menschen, in erster Linie die Körpersprache zu erlernen. Was ein Pferd denkt, wenn es die Ohren anlegt, das weiß heute jeder. Aber wenn es mit den Hinterbeinen nach links tritt oder mit den Vorderbeinen bestimmte Bewegungen macht, dann sagt das alles auch etwas über das Tier aus. Und ob es sich zum Beispiel hinter, neben oder vor mir positioniert – das sind ganz klare Aussagen und Verhaltensweisen, die für jeden weiteren Schritt wichtig sind.

Ich muss auch wissen wie ein Pferd überhaupt lernt. Was ist für ein Pferd alles wichtig, was hat es für Bedürfnisse? Denn so ein Tier sucht immer dort Anschluss, wo es das Gefühl hat, dass ihm jemand dient. Wenn ein Pferd merkt, dass du es nur schwächst, dann will es nicht mit dir zusammen sein. Wenn ein Pferd aber spürt, dass du es größer machst, es unterstützt und für seine Entwicklung und seinen Wachstum da bist, dann wird es deine Nähe suchen. Das Ziel dieser Psychologie und des Wissens von ihr muss es immer sein, den Pferden zu dienen – auch wenn das Tier rangniedrig sein will, weil es für oben keinen Mumm hat, oder ob ich es fördere und nach oben hin erziehe. Das bedeutet für mich Pferdepsychologie, und nach diesem Prinzip arbeite ich mit jedem Pferd anders.

Es ist wichtig, mich in das Pferd hinein zu fühlen – bei jeder Übung, bei jedem Schritt. Wenn ich mit dem Tier zusammen bin, mit ihm spazieren gehe oder am langen Seil in die Halle laufe, dann bin ich immer Vorbild. Gleichzeitig fühle ich mich bei allem, was ich von dem Pferd verlange, in es hinein. Das ist wie die Meditation, die ich bereits am Anfang unseres Gesprächs erwähnte. Zusätzlich mache ich mir Gedanken, wie es sich für mich anfühlen würde, wenn von mir etwas Bestimmtes verlangt werden würde. Wenn ich all diese Dinge berücksichtige, dann wird sich das Pferd immer für mich entscheiden, und zwar freiwillig. Es ist immer motiviert und frisch im Geist, weil es auf die Kommunikation mit mir angewiesen ist und stets nach mir als seinem Mentor suchen wird.